Erhellende Einsichten zum Thema Mann-Sein:

Der ganz normale Mann - von Robert Betz

Die meisten Männer sind inzwischen so normal, so angepasst und brav geworden, dass sich die Frauen oft fragen: "Und das soll ein Mann sein?" Sie laufen mit gelangweilten, ängstlichen oder traurigen Gesichtern durch die Welt, lassen ihre Schultern hängen, können anderen nicht offen in die Augen schauen und sind nicht in der Lage, über ihre Gefühle zu sprechen. Am Morgen fahren sie in ihren farblosen Autos zur Arbeit, stecken in ihrer Uniform aus weißen oder blauem Hemd und meist gestreiften Krawatten und setzen sich mit Gedanken wie "Ich muss es schaffen!" unter Erfolgsdruck. Sie lieben nicht mehr das, was sie tun, und tun selten das, was sie wirklich gern tun würden.

Gleichzeitig unterdrücken sie seit der Kindheit ihre Gefühle von Angst, Trauer, Wut, Ohnmacht, Schuld und Scham, Neid und Eifersucht und sie reißen sich zusammen. Ihre Körper zeigen folgerichtig Spuren und Blessuren: Die Gelenke schmerzen, der Körper ist übersäuert, die Bandscheiben ächzen, im Ohr pfeift der Tinnitus, der Hörsturz schlägt Alarm und das Herz sticht, fordert einen anderen Rhythmus und droht mit Infarkt. Der Mann leidet an einem traurigen oder bereits gebrochenen Herzen. Um sich angeblich etwas Gutes zu tun, laufen die normalen Männer in die Muckibude oder hechelnd durch den Stadtpark, suchen den Kick im Marathon oder anderen Extremsportarten, um sich eine Scheinmännlichkeit vorzugaukeln, die ihnen Selbstbewusstsein und Halt geben soll.

Männer haben gelernt, ihre Schwächen und Schmerzen zu verdrängen, und halten durch, bis Körper und/oder Psyche sie flachlegen. Burn-out-Syndrom, Depressionen und Panikattacken nehmen rapide zu und zwingen sie, sich endlich ihrem Innenleben zuzuwenden. Aber auch in dieser Verfassung versuchen die meisten noch, das Störende zu beseitigen, um bald wieder in die Tretmühle zu steigen. Tagsüber funktionieren und spuren sie, so gut es geht, und abends mutieren sie an der Türschwelle ihrer Wohnung entweder zum kleinen Jungen, zum Elefanten im Porzellanladen oder zum Tyrannen, der in den eigenen vier Wänden seiner unterdrückten Wut freien Lauf lässt. Den Vorwürfen und Forderungen ihrer Frauen fühlen sie sich meist hilflos und schuldbewusst ausgeliefert, bekommen die Zähne nicht auseinander und flüchten in Schweigen und Resignation, in den Keller, in die Garage, vor den Bildschirm von TV oder PC oder in eine der vielen Süchte. Dort suchen sie vergeblich die Leere zu füllen, die sich in ihnen breitgemacht hat. Und weil sie tagsüber nicht ausdrücken können, was sie in der Seele bewegt, müssen sie es nachts lautstark schnarchend der Welt verkünden.

In ihrem Inneren sind sie aufs Höchste mit ihrer Mutter verstrickt, leiden bis heute an ihrem schwachen, in der Kindheit abwesenden oder dominanten Vater, dessen Anerkennung und Liebe sie nie erhielten, und haben als Vierzig- oder Fünfzigjährige oft das Gefühl, ihr Leben vergeigt zu haben. Das wiederum können sie sich nicht offen eingestehen und müssen es vor sich selbst verstecken. Das Gefühl der Peinlichkeit und der Scham mischt sich mit Groll und Hader und macht sie im Außen, im Straßenverkehr oder in Auseinandersetzungen mit Frau, Kindern oder Kollegen aggressiv. Aber ihre Aggressionen zeigen nur, wie viele Ängste in ihren rumoren.

In jedem Mann steckt ein kleiner Junge, der selten ein lebendiger, gefühlvoller Junge sein durfte, und dem niemand sagte, was ein richtiger Mann ist. Die rhetorische Frage "Du willst doch ein richtiger Junge sein, oder?" signalisierte ihm mit aller Deutlichkeit, dass ein verspielter, verletzlicher, ängstlicher, trauriger oder verträumter Junge nicht erwünscht war. Und Tränen waren das allerletzte für ihn. Deshalb verschloss er schon früh sein Herz, stoppte den Fluss von Gefühlen und Tränen und fing an, sich seinen Kopf darüber zu zerbrechen, wie er zu Anerkennung und Bestätigung und vielleicht zu etwas Liebe kommen könnte. So verlief der Weg der meisten Männer hin zum normalen Mann. Sie stürzten sich in die Arbeit, um Anerkennung und Bestätigung zu erlangen, die sie von ihren Vätern nie erhielten.

Der von sich und seinem Mann-Sein begeisterte Mann, der mit Liebe zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen aufrichtig und aufrecht, mit klarem Verstand und warmherzig durch sein Leben geht, ist eine Spezies, die man unter Artenschutz stellen müsste, weil sie so selten bei uns anzutreffen ist. Der normale Mann jedoch steht heute mit dem Rücken zur Wand und fragt sich, was denn nur schief gelaufen ist auf seinem Weg. Denn er hat doch versucht, es so gut wie er konnte und wie er es wusste zu machen. Die Anleitung zum Mann-Sein hieß: "Steng dich an, sei erfolgreich, verdiene gutes Geld, such dir eine Frau, schließe Versicherungen ab, nimm einen Kredit auf und zahl die Wohnung oder das Haus ab." Unzählige Männer sind diesem Programm gefolgt, aber glücklich sind sie dabei nicht geworden, im Gegenteil. Sie marschieren und funktionieren wie seelenlose Wesen, wie Roboter, als Rädchen in einem Getriebe, das sie im Grunde hassen, und haben nicht das Gefühl, ein freier Mann zu sein. Selbst im Bett plagt sie der Leistungsruck, wenn sie glauben, es einer oder ihrer Frau "besorgen" zu müssen. Infolgedessen entdecken jetzt immer mehr mit Schrecken, dass ihr kleiner Mann so wenig aufrecht steht wie sie selbst und immer öfter versagt, und für viele ist das die Katastrophe schlechthin.

Ein großer Teil der männlichen Bevölkerung ist heute zutiefst erschöpft und müde von einem einseitigen Weg voller Druck, Anstrengung und Selbstzweifel. Und da sie nie gelernt haben, ihr Herz zu öffnen und es jemandem auszuschütten, verzweifeln immer mehr hinter den dicken Mauern ihres Herzens und finden keinen Ausweg, bis dann Körper und Psyche sie in die Waagerechte zwingen, damit sie endlich nach innen gehen und aufwachen. Oder die Männer verzweifeln vollends und nehmen sich das Leben (über dreimal mehr als Frauen). Auch wenn noch nicht alle in dieser Sackgasse gelandet sind, ist die Krise des "normalen Mannes" unübersehbar geworden und verschärft sich in diesen Monaten und Jahren rasant.

Der Mann steht jetzt am größten Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte und die Männer aller Altersgruppen begreifen: Der alte Weg des Mannes ist nicht mehr gangbar. An der T-Kreuzung der Zeit stehend muss sich der Mann entscheiden, welche Richtung er jetzt einschlagen will. Augen zu und durch, aushalten, verdrängen und Schnauze halten ist jetzt nicht mehr drin. Und die treibenden Kräfte sind nicht in erster Linie die Frauen, sondern es sind das Herz und die Liebe im Mann selbst, die jetzt mobilmachen und ihm zurufen: "Jetzt reicht`s, Mann!"

Auszug aus dem Buch: "Willst du NORMAL sein oder GLÜCKLICH? - Aufbruch in ein neues Leben und Lieben. von Robert Betz im Heyne Verlag erschienen. ISBN 978-3-453-70169-4

Ebenso zu empfehlen wie sein Buch: So wird der Mann ein Mann. ISBN 978-3-7787-9218-6 Ebenfalls von Robert Betz.